Editorial

»Wie schön …

… war die Zeit, als man noch las, ohne zu verstehen!« Mit diesem Satz beginnt und endet ein kleiner Prosatext von Franz Hessel, in dem er sich an die Lektüre unterm Weihnachtsbaum erinnert und wie fasziniert er als Achtjähriger von unbekannten Worten war. Da hat er zum Beispiel den Tell geschenkt bekommen, weil er wegen des Titels neugierig war, und liest: »Mach hurtig, zieh die Naue ein« … »der grauen Talvogt kommt« … »dumpf brüllt der Firn« …

Heute sind Eltern, Lehrer und andere wohlmeinende Erwachsene überzeugt davon, dass Kinder und Jugendliche durch Derartiges – sprich: die schwierige Sprache der Klassiker – völlig überfordert seien und sich dann »natürlich« von der Literatur abwenden würden. Und machen ernsthaft den Vorschlag, die älteren Werke zu aktualisieren und zu vereinfachen, indem langatmige Romane von Stifter, Fontane oder Thomas Mann gekürzt und das »veraltete« Vokabular durch zeitgenössische, gängige Begriffe ersetzt werden. Denn wer kennt heute noch einen Staubmantel, Kinkerlitzchen, Firlefanz … (Dabei lässt sich heute alles in Sekundenschnelle googeln!)

Seltsamerweise ist man wesentlich aufgeschlossener, wenn es um die Präsenz neuer, mindestens ebenso unverständlicher Worte geht, die aus Fachdisziplinen stammen: Plötzlich redet alle Welt von Dystopien und Narrativen – früher waren das literaturwissenschaftliche Termini für negative Utopien und Erzählendes. Und aus dem Englischen, der derzeit aktuellen »Lingua Franca«, scheinen Übernahmen in unseren alltäglichen Sprachgebrauch ohnehin selbstverständlich.

Warum denn, wenn schon, nicht beides? Ist es nicht auch hübsch, im Jahr 2018 von einem »Inventarium« zu sprechen, wie Tina Stroheker ihr neues Buch nennt, von einem »Stadtpalais«, in welches das Stuttgarter Stadtmuseum kurzfristig und die Historie aufnehmend umgetauft wurde, oder von Denkwürdigkeiten respektive lateinisch »Memorabilien«?

Der Klang und das Bedeutungsumfeld der Worte hat Menschen immer begeistert und betört – hätten sonst die Italiener ihren Dante, Perser ihren Hafis, Russen ihren Puschkin auswendig gelernt? Wahrhaft keine leichte Lektüre!

Also: mehr Mut zu schönen, unbekannten Worten!

Irene Ferchl

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