Editorial

»Nichts Schöneres unter der Sonne …

 

als unter der Sonne zu sein«. Kann man diese Gedichtzeile, die einem an einem Vollmondabend unerwartet in den Kopf kommt, einfach so, gewissermaßen naiv vor sich hin sagen? Ohne an Hautkrebs zu denken und die wieder zu erwartende Sommerhitze, ohne den Klimawandel und die Umweltzerstörung zu assoziieren? Und überhaupt die ganzen vielen ungelösten Probleme auf der Welt?

Sollte man nicht überhaupt nur noch Sachbücher und andere Medien zur aufklärenden Information lesen statt ablenkender, fiktiver Belletristik, sprich »schöngeistiger« Literatur und gar noch Lyrik?

Wenn es um Ablenkung geht, sind andere Beschäftigungen – vor allem Filme aller Art, Sport und Spiel – dem Lesen vermutlich haushoch überlegen.

Feuilletonchefin Iris Radisch sprach jüngst in einem Interview über den »Zauber des Lesens«, der auf der Strecke bleibe, wenn es nur um die Versorgung von Zielgruppen mit bestimmten Inhalten gehe. Zu Recht kritisiert sie (vorsichtig) die Aktionen zur Leseförderung, die mehr mit Wohlfühlen als mit Auseinandersetzung zu tun haben. Allerdings erklärt sie zu unserem Befremden, dass DIE ZEIT sich weniger klassische gedruckte Literaturkritik leistet, weil die Buchanzeigen schrumpfen, als sei dies ein Gesetz. Vielleicht ist sie bei diesem Bekenntnis zum Kapitalismus wenigstens ein bisschen schamhaft rot geworden, ebenso wie bei ihrer Berechnung von Stundenhonoraren bei Buchrezensionen.

Dass die meisten von uns mit der Literatur, deren Produktion und Vermittlung, nicht das verdienen, was wir verdienten, ist bekannt. Wir bleiben trotzdem dabei, wie Ingeborg Bachmann, die heftig über die Künstlerexistenz räsonieren konnte und aus deren Gedicht »An die Sonne« die Eingangszeile stammt; einem Gedicht übrigens, das gleichzeitig die klassische Literatur mit Goethe und Hölderlin zitiert und einen Hymnus auf das Licht und die Liebe anhebt, bei aller Erdenschwere. Welch ein Glück, solche Literatur!

Genießen Sie die Sonne und das Lesen …

 

Ihre Irene Ferchl mit dem Team

 

 

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