Editorial

Wohin mit all den Büchern?

Sei es ein koketter Stoßseufzer oder eine ernst gemeinte Frage – das Problem stellt sich all denen, die gern lesen oder mit Büchern arbeiten und nicht auf elektronische Lektüre umgestiegen sind. Natürlich gibt es Menschen, die Bücher ungerührt in die Altpapiertonne werfen können, aber viele andere bringen das allerhöchstens bei einem völlig zerfledderten Leseexemplar über sich. Und schaffen lieber erst einmal ein neues Regal an, stellen danach zweireihig und stapeln schließlich die ungelesenen Werke auf dem Boden, auf Tischen, Schränken oder sonst wo. Bei meinen Großeltern standen Kisten voller Bücher unter den Betten, was keine wirklich befriedigende Lösung war.

Ein häufig empfohlenes Rezept lautet: für jedes neu angeschaffte Buch ein altes aussortieren, doch auch dieses muss ja dann irgendwohin. Man kann Bücher verschenken, wenn die potentiellen Empfänger sich ehrlich darüber freuen, aber oft besitzen diese LiebhaberInnen selbst bereits übervolle Regale. Antiquaren braucht man mit gewöhnlicher Ware gar nicht erst zu kommen, denn sie können ja auch nur noch Raritäten, gesuchte Erstausgaben und wirklich wertvolle Bände wieder verkaufen.  Büchereien, Kindergärten, Altersheime winken heutzutage oft dankend ab, und ob sich der Aufwand lohnt, Titel, die vielleicht 50 Cent erlösen, ins Internet zu stellen?

Inzwischen finden sich zu Bücherschränken umfunktionierte Telefonzellen oder Bücherregale im öffentlichen Raum, die einen Tausch ermöglichen sollen; vielleicht kann man heimlich auch nur etwas einstellen, nichts mitnehmen. Ein Buch einfach irgendwo liegen lassen, in der Straßenbahn, in der Kneipe, und auf einen glücklichen Finder hoffen? Aber soll ich wirklich jemandem die uralte Übersetzung von Manhattan Transfer überlassen, auch wenn es ein gut erhaltenes Taschenbuch ist?
Vielleicht kennt jemand ein Asyl für herrenlose Bücher?!

Irene Ferchl

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