Aktuelle Ausgabe Juli/August 2019


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»Ich bin Flaubertianer: Das Konzept ist alles!«

Von Uwe Kossack

Der Schriftsteller Arno Geiger

Ortstermin, 8.30 Uhr in der Volksschule Bütze in Wolfurt, einer Vorarlberger Rheintalgemeinde von achteinhalbtausend Einwohnern, zwischen Bregenz und Dornbirn gelegen. In einer gemütlichen Ecke des Foyers sitzen ungefähr vierzig flüsternde Drittklässler. Vor ihnen auf einem Stuhl der Schriftsteller Arno Geiger. Die Schule hat ihn gebeten, den Kindern von sich zu erzählen. Für ihn ist das ein Heimspiel. Er war hier selber mal Schüler und die Mutter seine Lehrerin, der Vater Gemeindeschreiber, also Leiter des Gemeindeamts. Wenn er durchs Fenster schaut, sieht er sein Elternhaus hinter den hochstämmigen Birnbäumen im Garten.

Die Fragen der Kinder sind lebensnah und direkt. »Hast du eine Frau?« »Ja.« … »Hast du ein Auto?« »Nein.« … »Wie alt bist du?« »Fünfzig.« … »Wie schreibst du deine Bücher?« »Ich denke lange darüber nach und schreib dann sehr schnell. Über das neue Buch habe ich elf Jahre nachgedacht. Und in vier Monaten habe ich es dann geschrieben.« … »Macht dir das Bücherschreiben Mühe?« »Nein. Es ist überhaupt das Schönste. Ich profitiere davon. Ich lerne dabei, woher ich komme und wohin ich gehe.«

Das Frage-Antwort-Spiel ist ein munteres Hin und Her in malerischem Alemannisch. Die Drittklässler wollen wissen, was der Schriftsteller am liebsten isst (Chili con Carne), was sein liebstes Hobby ist (Wandern), ob er ein Haustier hat (nein) und ob er reich ist. Er habe Glück gehabt, antwortet Geiger darauf, die meisten seiner ungefähr zehn Bücher seien erfolgreich gewesen, das Buch über den Vater werde sogar in der ganzen Welt gekauft und gelesen.

Nach einer knappen Stunde wissen die Kinder alles und fangen wieder an, miteinander zu flüstern. Ende der Befragung. Ja, klar, sagt Arno Geiger später, die Kinder wüssten, wer er sei. Lebt er gern in Wolfurt? »Ach, man muss halt da leben, wo der Herrgott einen hingespuckt hat.« Auf dem Weg zum alten Dorfkern grüßt er fast jeden, der uns entgegenkommt. »Es ist kurios. In Wien, wo ich ja auch lebe, habe ich es viel ruhiger als hier. Hier kümmere ich mich um die alte Mutter und um den Schwiegervater und den Garten und so weiter.«

Der alte Dorfteil, in dem das Haus der Geigers steht, wirkt penibel gepflegt, die Gärten sind aufgeräumt und die Häuser aufs Sorgfältigste restauriert. »Die Gemeinde tut viel, um das Dorf und auch die dörflichen Strukturen zu erhalten. Wir haben immer noch einen Ringer-Verein. Erste oder zweite Liga. Ich war früher selber auch Ringer. Aber es ist nicht gut für die Ohren.« Er grinst. An den Ohren sind keine Ringerschäden mehr zu sehen. Aber dass Arno Geiger Kraft hat, sieht man. Er ist groß, mager-muskulös und kahlköpfig. »Hier bei uns sind wir ja auf der schönen Seite des Orts. Wir haben die Bregenzer Ache vor der Tür und zum Bodensee sind es ein paar Fahrradminuten. Aber auf der anderen Seite liegt ein riesiges Industriegebiet. Wolfurt ist eine der reichsten Marktgemeinden in Österreich. Die Firma Doppelmayr ist hier. Die baut Lifte und Seilbahnen überall in der Welt, in Taipeh, in Sotschi.«

Den Namen Arno Geiger haben die meisten Leser zum ersten Mal 2005 gehört, als er den Deutschen Buchpreis für seinen Roman Es geht uns gut erhielt, eine Familiengeschichte und gleichzeitig eine Geschichte Österreichs im 20. Jahrhundert. Enkel Philipp mistet im Jahr 2001 die Familienvilla im feinen Wiener Gemeindebezirk Hietzing aus, das ist die Rahmenhandlung. Das Bild, das Philipp sich dabei aus den Bildern der Vergangenheit zusammensetzt, aus Dokumenten und Trödel, zeigt ein heikles Porträt der Eltern und Großeltern, von 1938, dem Jahr des »Anschlusses«, bis zum Jahr 1989, zeigt die schrecklichen und die komischen, die verlogenen und die anrührenden Stationen ihres Lebens. Aus eben diesen Stationen setzt Arno Geiger wiederum seinen Roman zusammen, virtuos mit den sprachlichen und erzählerischen Formen spielend.

Weit über das Publikum der Romanleser hinaus wurde der Vorarlberger Autor durch das Buch Der alte König in seinem Exil bekannt, Protokoll und Reflexion über die Alzheimererkrankung seines Vaters. Aber es ist kein düsterer Text über das langsame und hoffnungslose Verschwinden eines Menschen, kein Trauerbuch, nein, es ist ein helles Buch, in dem der Sohn die Würde des Vaters bewahrt. Und in dem er beschreibt, wie er und seine Geschwister die jahrelange nervenaufreibende Pflege des Vaters im Geiger’schen Haus in Wolfurt leisten. Es ist auch ein tröstliches Buch, weil der Autor uns ahnen lässt, wie ein Kampf aufgegeben und doch gewonnen werden kann. Als dem Vater einmal so war, dass er dringend nach Hause zu seiner längst verstorbenen Mutter sollte, geriet auch für den Sohn Arno die Grenze von Tod und Leben in Bewegung und es gelang ihm, tiefer in die Innenwelt des Vaters einzudringen. Das Leben des Vaters in seinem inneren Exil inspiriert den Sohn geradezu. Er lernt, die scheinbar unsinnigen Aussprüche des Vaters zu deuten, und fragt sich, was es heißt, wenn einer in seinem von ihm selbst erbauten Haus nicht mehr zu Hause ist.

»Von hier geht alles aus, das hinterfrag ich nicht«, sagt Arno Geiger, als wir in einem Gastgarten an der Wolfurter Dorfstraße sitzen. »In den Jahren, als der Vater erkrankte und wir ihn pflegen mussten, lief es mit meinen Büchern noch nicht so gut. Da arbeitete ich bei den Bregenzer Festspielen als Videotechniker. Bregenz war eine andere Welt. Meine war hier.« Und er erzählt von seiner Kindheit, vom Schulweg, der am gefährlichen Dorfstier vorbeiführte, vom Fußballspielen im Rudel. »Ich hab’ immer noch einen unheimlichen Bewegungsdrang in mir. Völlig verrückt, dass ich Schriftsteller bin.« Deshalb geht er mit seiner Frau, einer Kinderärztin, wandern, wann immer es möglich ist. Pflanzen bestimmen, Vögel beobachten.

»Die Natur ist zerbrechlich, aber intakt. In meinem neuen Buch ist sie die Gegenwelt zur metallenen, leblosen Welt des Krieges.« Gemeint ist sein neuer großartiger Roman Unter der Drachenwand. Es ist die Geschichte eines jungen Mannes aus Wien, der 1939 von der Schulbank weg eingezogen und 1943 an der Ostfront verwundet wird. Er verbringt seinen Genesungsurlaub in St. Lorenz am Mondsee im Salzkammergut, an dessen Westufer ein siebenhundert Meter hohes Felsmassiv aufsteigt, die Drachenwand. Hier versucht der Soldat Veit Kolbe zusammen mit den Dörflern eine Art Alltag zu leben. Alles soll sein wie immer, aber der Krieg ist längst in alle Verästelungen des Lebens eingedrungen. »Mich hat interessiert, wie Menschen unter beschränkten Möglichkeiten ihr Leben gestalten. Wie sie ihr Bedürfnis, zu gestalten, auch auf engstem Raum ausleben. Ich glaube, ich habe mich in dem Buch zu etwas grundsätzlich Menschlichem vorgearbeitet, den Bedingungen der Existenz.«

Veit hat eine junge evakuierte Frau aus Darmstadt zur Nachbarin, Margot. Ganz langsam, unendlich langsam bildet sich Vertrauen zwischen den beiden. »Es ist eine sachliche Liebe, eine verlässliche Liebe – im Gegensatz zur Unzuverlässigkeit der Umstände. Der Krieg zerschlägt die Form aus Prinzip. Die unromantische Liebe von Veit und Margot ist Hoffnung aus Prinzip.«

Begonnen wurde dieser Roman im Kopf des Autors, als er 2002 auf einem Flohmarkt ein dünnes Konvolut von Kinderbriefen erstand. Kinder, die 1944 aus Wien an einen Ort mit dem seltsamen Namen Schwarzindien evakuiert wurden, ein Ortsteil von St. Lorenz am Mondsee. »Als ich diesen Dreiklang vor mir hatte: Schwarzindien! Mondsee! Drachenwand!, da wusste ich, das wird ein Buch.« Elf Jahre lang hat Arno Geiger über dieses Projekt nachgedacht, Zigtausende von Briefen aus der Zeit gelesen, aber keine Sekundärliteratur, keine Erinnerungen. »In den Briefen dreht sich alles um die Aufrechterhaltung des Alltags. Diese Perspektive war für mich das Entscheidende. Ich wollte Menschen erzählen lassen, die nicht wissen, was wir Nachgeborenen wissen. Sie wissen zum Beispiel nicht, dass es das letzte Kriegsjahr ist. Sie sehen die Bomberstaffeln hoch am Himmel und sagen sich, dass die nach Augsburg fliegen oder nach München und dass es noch ewig so weitergehen kann.«

Nach elf Jahren hatte der Autor Notizen auf tausend Blättern und den Roman im Kopf. Im Kopf? »Ich bin Flaubertianer«, sagt Arno Geiger, »das Konzept ist alles!« Er hat alles durchdacht, die Biografien der Figuren, den Aufbau der Konflikte, die Abstimmung der Romanhandlung mit den historischen Geschehnissen. Er hat überlegt, wie ein Soldat aus einer Blechbüchse eine Kartoffelreibe macht und wie viel Pervitin einer nehmen muss, damit er seine Panikattacken übersteht. Erst als das alles präsent war und die Geschichte bis in die feinsten Rädchen wie ein Schweizer Chronograph funktionierte, wie eine Grande Complication, da begann er zu schreiben. Dann war er sich also sicher, dass der Roman gut werden würde? »Ziemlich sicher. Einen schlechten Roman über den Zweiten Weltkrieg hätte ich mir auch nicht verziehen.«

 

Zum Weiterlesen:

 

Es geht uns gut. Roman. 2005

Anna nicht vergessen. Erzählungen. 2007

Alles über Sally. Roman. 2010

Der alte König in seinem Exil. Roman. 2011

Grenzgehen. Drei Reden. 2011

Selbstporträt mit Flusspferd. Roman. 2015

Unter der Drachenwand. Roman. 2018

 

Alle im C. Hanser Verlag, München und teils als dtv-Taschenbuch

 

Arno Geigers Unter der Drachenwand steht im Mittelpunkt des 4. Literaturfestivals »Stuttgart liest ein Buch«, das vom 16. bis 27. September unter Federführung des Schriftstellerhauses stattfindet. Wie in den Vorjahren gibt es die unterschiedlichsten Veranstaltungen mit dem Autor und zu den Themen des Romanes. Soeben sind eine Taschenbuch-Sonderausgabe und ein Flyer erschienen, außerdem finden sich alle Informationen und Termine unter 

www.stuttgart-liest-ein-buch.de          

 

 

Uwe Kossack, geboren 1949 in Lindau, studierte Literaturwissenschaft, Philosophie und Geschichte in Stuttgart und Tübingen. Nach einer Lehrtätigkeit an der Universität Florenz arbeitete er beim Sender Freies Berlin, dann als Autor, Moderator und Redakteur beim Süddeutschen Rundfunk in Stuttgart und nach der Senderfusion bim SWR in Baden-Baden, deren Literaturprogramm er mit seinen Autoren- und Kritikergesprächen prägte.


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