Aktuelle Ausgabe März/April 2019


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»Ich bin nur Sünde und Sehnsucht« (Emmy Hennings)

Von Michael Braun

In den Literaturgeschichten der Moderne war für Emmy Hennings (1885–1948), die Dichterin, Sängerin und Mitbegründerin der Dada-Bewegung, meist nur ein Randplatz reserviert. Dann entstanden im Frühjahr 1999, im Gefolge der großen Zürcher Ausstellung »Ich bin so vielfach«, die ersten ambitionierten Versuche, den literarischen Rang der Avantgardistin neu zu bestimmen. Aber erst Bärbel Reetz´ akribische Biografien zu den »Vielfachheiten« der Emmy Hennings und zum »wunderlichen Paar« Hugo Ball / Emmy Hennings (2001 und 2015) haben der Forschung verlässliche Fundamentaldaten geliefert, auf denen die seit 2015 erscheinende, von den Literaturwissenschaftlerinnen Christa Baumberger und Nicola Behrmann herausgegebene Studienausgabe der Werke von Emmy Hennings aufbauen konnte. Trotz dieser Bemühungen um eine angemessene Verortung der Poetin ist ihre Gestalt noch immer von Legendenbildungen umlagert. Ihr »Anderssein«, das sie sich selbst in ihrem 1922 veröffentlichten Gedicht »Traum II«  zuspricht, ist von vielen negativen Markierungen verdunkelt worden, vor allem von erotischen Beutephantasien der mit ihr verbundenen männlichen Akteure der literarischen Avantgarde.

 

Luluerscheinung mit Kinderstimme

Die zweifelhaften Zuschreibungen, die auf Emmy Hennings projiziert wurden, beziehen sich in erster Linie auf ihre biografischen Stationen zwischen 1908 und 1913. Im Mai 1908 verließ sie die Wandertheater-Truppe, mit der sie eine Zeit lang durch Norddeutschland und Schlesien gezogen war, in den folgenden Jahren arbeitete sie als Schauspielerin, Animierkellnerin, Hausiererin, Malermodell und Kabarettistin. Aber auch über 1913 hinaus glich ihr Leben einer unruhigen Vagabondage, wobei sie oft in schlimme materielle Not geriet und durch Gelegenheitsprostitution ihr Überleben sichern musste. Protestantisch getauft, konvertierte Emmy Hennings 1911 zum Katholizismus, wurde im Herbst 1912 polizeilich als Prostituierte registriert und war in den darauf folgenden Boheme-Jahren, als sie in verschiedenen Varietés und Kabaretts auftrat, schwer äther- und morphiumsüchtig. 1912 lernte sie ihren späteren Ehemann, den asketisch gestimmten Dadaisten Hugo Ball (»der Mann, mit dem ich beten konnte«) kennen.

Die von ihr faszinierten Bohemiens beschrieben sie mit meist wenig schmeichelhaften Attributen: So nennt der Anarchist Erich Mühsam sie in seinen Tagebüchern wahlweise »erotisches Genie« oder »das kleine Hurenweib« und verzeichnet penibel jede promiskuitive Aktivität, die er von ihr in Erfahrung bringen konnte. Von ihrer Dichterkollegin Else Lasker-Schüler, die in ihr eine starke Konkurrentin in der Boheme-Szene erkannte, wurde Hennings als »lose Spießerin« und »geiles kleines Nähmädchen« denunziert. Insgesamt formte sich in diesen Jahren das Zerrbild einer fragwürdigen »Luluerscheinung mit einer Kinderstimme«. 

All diese negativen Zuschreibungen abzuräumen und endlich den ästhetischen Rang von Emmy Hennings als zentrale Akteurin der historischen Avantgarde sichtbar zu machen, das ist primäres Erkenntnisziel von Nicola Behrmanns äußerst lesenswerter Studie über die Geburt der Avantgarde. Die Erkenntnis vom »systematischen Ausschluss der Frauen aus der Dada-Historiographie« führt sie zum Versuch, eine genuin »weibliche Genealogie der Avantgarde nachzuzeichnen« und Emmy Hennings endlich den gebührenden Status als »unerhörten Mittelpunkt der Dada-Bewegung« zuzuerkennen. Dabei greift Behrmann auf Denkfiguren der feministischen Psychoanalyse Luce Irigarays und die strukturalistischen Theorien Jacques Lacans und Jacques Derridas zurück. Mit Blick auf die in ihrer Studie zentrale Metapher der »Geburt« entwickelt Behrmann ihre kritische These von der mutterlosen Zeugung Dadas: »Aus ›Dada‹ wurde eine Geste ohne Empfängnis, ohne Fortpflanzung. Weitervererbung – ohne ›weibliche‹ Qualitäten.« In der kritischen Ausleuchtung der »Geburtsszenen Dadas« gelingt der an der Rutgers University in New Jersey lehrenden Germanistin mit sehr plausiblen Argumenten der Nachweis, dass in der Selbstdarstellung der männlichen »Gründerväter« der Dadaismus als eine »sich geschlechtslos reproduzierende Junggesellenmaschine« seinen Siegeszug um die Welt angetreten hat, mithin durch Marginalisierung der an der Dada-Bewegung beteiligten Frauen.

 

Ziellosigkeit und Absturz

Die ersten beiden Bände der Emmy-Hennings-Studienausgabe durchleuchten die frühen Jahre der Dichterin, in denen sie eine erschütternde Poetik der Selbstverneinung entwickelt. In ihrem Roman Gefängnis, mit dem sie 1919 für einige öffentliche Aufregung sorgte, sind die Folgen ihrer Lebenspraxis zwischen freier Theaterkunst und Gelegenheitsprostitution festgehalten. Hier protokolliert Emmy in einer Art Telegrammstil die Erfahrungen, die sie nach einer Inhaftierung im Juli 1914 wegen »Beischlafdiebstahls« durchlitt. In einem zweiten Verfahren wurde sie im Februar 1915 in »militärische Schutzhaft« genommen, da man sie der Fluchthilfe bei der Desertion des Anarchisten Franz Jung verdächtigte. Die Zeit im Gefängnis hat die Dichterin traumatisiert und ihr Grundgefühl der eigenen Sündhaftigkeit weiter verstärkt. So haben sich in ihren Bericht von der mehrwöchigen Haft in München jene anrührenden Sentenzen zum quälenden Schuldgefühl eingeschrieben, auf die auch viele ihrer Gedichte zulaufen: »Ich brauche meine Sünde nicht zu suchen, denn meine Sünde fällt zu sehr auf, weil nur Sünde da ist. Ich habe Schuld. Nur ich habe Schuld. An unendlich vielem. Vielleicht an allem.« Die Zustände der Selbstauflösung, das ziellose Umherschweifen als Schauspielerin, das Leben an der Armutsgrenze und den Absturz im Drogenrausch hat Emmy auch in den als Tagebüchern deklarierten Prosatexten Das Brandmal und Das ewige Lied aufgezeichnet, die in Band 2 der Werkausgabe versammelt sind. Zu den eindrücklichsten Szenen darin zählen die Beschreibungen ihrer Begegnung mit dem »Todesengel« – jene Wochen zwischen Leben und Tod, als sie 1910 nach den kräftezehrenden Jahren als Wanderschauspielerin an Typhus erkrankte.

Das Brandmal präsentiert die Aufzeichnungen der von einem tiefen Verlorenheitsgefühl erfassten Schauspielerin, Kellnerin und Gelegenheitsprostituierten Dagny, die im Dickicht der Städte nach Haltepunkten für ihre Existenz sucht. Am Ende erkrankt Dagny an Typhus und der Text mündet in ein Gebet der Heldin, das widersprüchlich zwischen Gottvertrauen und -zweifel oszilliert: »Es gibt keine Freiheit. Auch Gott ist ein Gefängnis, in das ich eingehen muß, denn wo sollte ich sonst hin?«

Eine Tagebuchnotiz Emmys von 1919 resümiert auf erschütternde Weise ihre Poetik der Selbstverneinung: »Ich bin nur Sünde und Sehnsucht … Was in mir ist, möchte ich wegwerfen, ignorieren, verbrennen, verfliegen sehen. Daher wünsche ich, nicht beachtet zu sein. Ich bitte, meine Bitte, mich zu lieben, NICHT zu erhören, denn ich bin nicht wert, geliebt zu werden.« Dieser Schmerz der Daseinsverneinung, der sich in die Gedichte und Romane von Emmy Hennings eingeschrieben hat, berührt uns in seiner großen poetischen Suggestivität noch heute.

 

 

Zum Weiterlesen:

Nicola Behrmann, Geburt der Avantgarde – Emmy Hennings. 2018. 424 Seiten, 29,90 Euro

Emmy Hennings, Gefängnis – Das graue Haus – Das Haus im Schatten. Herausgegeben und kommentiert von Christa Baumberger und Nicola Behrmann unter Mitarbeit von Simone Sumpf. Mit einem Nachwort von Christa Baumberger. Kommentierte Studienausgabe Bd. 1. 2015, 576 Seiten, 24,90 Euro

Emmy Hennings, Das Brandmal – Das ewige Lied. Herausgegeben und kommentiert von Nicola Behrmann und Christa Baumberger unter Mitarbeit von Simone Sumpf. Mit einem Nachwort von Nicola Behrmann. Kommentierte Studienausgabe Bd. 2. 2017, 508 Seiten, 24,90 Euro

Alle  Wallstein Verlag, Göttingen.

 

Bärbel Reetz, Das Paradies war für uns. Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings. Insel Verlag, Berlin 2015. 484 Seiten, 29,90 Euro

Eveline Hasler, Und werde immer Ihr Freund sein. Hermann Hesse, Emmy Hennings, Hugo Ball. Nagel & Kimche, München 2010. 219 Seiten, 19,80 Euro

Bärbel Reetz, Emmy Ball-Hennings. Leben im Vielleicht. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2001. 398 Seiten, 11 Euro

 

 

Michael Braun, geboren 1958, lebt als Literaturkritiker für die NZZ, den Tagesspiegel, den SWR und den Deutschlandfunk in Heidelberg. Er ist Herausgeber vieler Anthologien und von Hugo Ball. Der magische Bischof der Avantgarde.

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