Aktuelle Ausgabe März/April 2019


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»Ich weiß beim Schreiben nie genau, ob ich schreibe oder die Sprache« (Yoko Tawada)

Von Lerke von Saalfeld

Yoko Tawada – die Wortakrobatin am Trapez

»In der Muttersprache klammern sich die Gedanken fest an die Worte, dass weder die ersteren noch die letzteren frei fliegen können. In einer Fremdsprache hat man aber so etwas wie einen Heftklammerentferner. Er entfernt alles, was sich aneinanderheftet und sich festklammert.« Das ist ein elementares Bekenntnis der Japanerin Yoko Tawada, bereits in ihrem Essay Talisman aus dem Jahr 1996 formuliert.

Mit neunzehn Jahren unternahm die 1960 in Tokio geborene Autorin ihre erste Reise in den Norden Europas, nach Moskau, denn sie hatte in ihrer Heimatstadt russische Literatur studiert. Zur Annäherung wählte sie die Transsibirische Eisenbahn. Es sollte langsam gehen, sie brauchte Zeit, um den anderen Kontinent wahrzunehmen und zu entdecken. Die erste Fahrt gen Westen nach Europa war eine unvergessene Erfahrung, wie sie später erzählt: »Ich habe geschrieben, dass der Mensch zu 80 Prozent aus Wasser besteht, das heißt, wenn ich während dieser Fahrt immer fremdes Wasser trinke, ein europäisches Wasser oder ein Wasser, das jeden Tag europäischer wird, dann werde ich ja selber anders, wenn ich ankomme. Nicht so, dass ich die Fremde nur mit Augen beobachte, sondern dass diese langsame Veränderung in mir selbst stattfindet.« Ab 1982 setzte sie sich mehr aus Zufall denn geplant in Hamburg fest, studierte Neuere Deutsche Literatur und begann, auf Deutsch zu schreiben.

Sie zog in eines der alten Kapitänshäuser direkt am Deich, mit Blick auf die Elbe und die vorüberziehenden Schiffe. 24 Jahre später, 2006 siedelte sie nach Berlin über. Hamburg blieb dennoch eine elementare Erfahrung, denn hier erfuhr sie erstmals, was es heißt, in und mit und zwischen zwei Kulturen zu leben und zu schreiben.

 

In der Weltliteratur angekommen

Die Besonderheit von Yoko Tawada ist – im Gegensatz zu den meisten anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus fernen Kulturen, die in die deutsche Literatur eingezogen sind – ihre konsequente Zweisprachigkeit. Bis heute liegen 27 Veröffentlichungen auf Deutsch und 29 Veröffentlichungen auf Japanisch vor. Lange Zeit galt die Autorin als Geheimtipp, aber inzwischen hat sie sowohl in Japan als auch in Deutschland bedeutende literarische Auszeichnungen erhalten: unter anderen 1993 den Akutagawa-Preis, den bedeutendsten japanischen Literaturpreis, 2003 den Tanizaki-Junichiro-Preis, 2018 den Japan Foundation Award; in Deutschland wurde sie 1996 mit dem Adelbert-von-Chamisso Preis der Robert Bosch Stiftung, 2005 mit der Goethe-Medaille, 2016 mit dem Kleist-Preis und 2018 mit der Carl-Zuckmayer-Medaille ausgezeichnet. Für ihren jüngsten Roman Sendbo-o-te, erschienen im Herbst 2018 und aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt von Peter Pörtner, erhielt sie in den USA den National Book Award. Damit ist Yoko Tawada in der Weltliteratur angekommen.

 

Gebannt von der Magie der Sprache

Dankbar ist sie ihren Eltern – der Vater ist Buchhändler – dafür, dass sie sie nie gewarnt haben, Schreiben sei eine brotlose Kunst, im Gegenteil: sie ließen die Tochter gewähren. Yoko Tawada ist besessen von Buchstaben und Worten, die Magie der Sprache zieht sie unaufhaltsam in ihren Bann. Die fremde Sprache, das Deutsche, machte und macht sie mutig, auf Wort-archäologische Reisen zu gehen. Dabei beherzigt sie den Grundsatz, nie ihre eigenen Werke von einer Sprache in die andere zu übertragen, das überlässt sie professionellen Übersetzern: Peter Pörtner ist von Anfang an der herausragende, sehr einfühlsame Übersetzer ihrer japanischen Werke. Sie selber hat ihre eigene Auffassung von Übersetzungen, die bei ihr zu Überseezungen mutieren und sich auflösen in einem Zungentanz von euro-asiatischen, südafrikanischen und nordamerikanischen Zungen.

Der Sog der Sprache, die Lust an der Wortzertrümmerung und Wortneuerfindung haben Yoko Tawada immer fasziniert. Ihre Texte entwickeln eine eigene Dynamik und einen suggestiven Rhythmus, der die Schreibende fortträgt. »Ich weiß beim Schreiben nie genau, ob ich schreibe oder die Sprache.« Mit Weit- und Weltblick nähert sie sich den Wörtern und Buchstaben, zerlegt die Wörter in ihre Einzelteile und setzt sie mit neuem Sinn zusammen. Ihre Phantasie ist dabei ungehemmt und grenzenlos. Sie versteht sich als Wortfetischistin, die sich in Sprachlandschaften verliert, neue Orte aufsucht, die es gibt oder nicht gibt, die in jedem Wort nach einem überraschenden Sinn sucht, und dieser Sinn kann auch Un-Sinn sein.

Festlegungen, genaue Definitionen sind nie die Absicht von Yoko Tawada, bei ihr soll alles im Fluss bleiben, sich auflösen, andere Formen annehmen, in ständiger Veränderung die Welt betrachten. Das verwirrt den Leser und die Leserin. Auch ob ihre Personen männlich oder weiblich sind, bleibt offen, so wie ihre literarischen Figuren das Geschlecht ohne besondere Gründe wechseln können. Metamorphosen, Verwandlungen führen zu kühnen Sprüngen. Die Ich-Erzählerin kann einen Raum verlassen und landet mit dem nächsten Schritt im Amsterdamer Rijksmuseum. Und wieder einen Schritt weiter ist sie in Nepal und in Tibet. Nichts hat einen festen Platz. Auch die Loreley hat ihren Stammplatz am Rhein verlassen und schwebt über der Elbe. Tschechien möchte gern am Meer liegen (das hat auch schon Shakespeare gewünscht). Mit luftiger Leichtigkeit hebelt die Autorin alle Gesetze der Logik und der Schwerkraft aus. Wenn sie etwas nicht interessiert, dann ist es Folgerichtigkeit. Eine unendliche Freiheit strömt aus ihren Texten, seien es Gedichte, Essays, Theaterstücke oder Romane.

 

Schabernack treiben mit der Leserschaft

Immer wieder hat Tawada betont, in einer anderen Sprache zu schreiben sei ein Abenteuer, ein Seiltanz zwischen den Kulturen, wer nur der Muttersprache verhaftet bleibe, werde feige und einfallslos. So hat sie immer zweisprachig geschrieben. Doch auch die japanische Muttersprache verändert sich bei ihr durch den Einfluss der deutschen Sprachspiele. Die Autorin lässt sich nur schwer in die Karten blicken, sie bleibt gerne rätselhaft und geheimnisvoll. Verwirrspiele sind ihre Leidenschaft. Wer ihr folgt, muss sich auf eine literarische Achterbahn begeben und gut festhalten. Als Trapezkünstlerin der Sprache und der Worte ist sie eine Artistin im filigranen Umgang mit der Sprache.

Yoko Tawadas Sprachkunst enthüllt Sprachverwandtschaften, die dem deutschen Leser oft verschlossen bleiben, weil er blind ist für die Absurditäten, die in manchem Wort stecken. Das Konkrete wird bei ihr plötzlich ganz abstrakt und bleibt doch real. Die menschlichen Beziehungen sind immer hinterfragt, fragwürdig und merkwürdig.

Schon die Titel ihrer deutschen Texte verraten, welchen Schabernack die Autorin mit ihrer Leserschaft treibt: Tintenfisch auf Reisen, Aber die Mandarinen müssen heute abend noch geraubt werden, Opium für Ovid, Abenteuer der deutschen Grammatik, Mein kleiner Zeh war ein Wort, Etüden im Schnee: Sind die meisten Veröffentlichungen – seit Anfang an im Tübinger Konkursbuch-Verlag von Claudia Gehrke – nur von schmalem, elegantem Format wie japanische Kopfkissenbücher, so hat sie mit den Etüden erstmals einen über dreihundertseitigen Roman vorgelegt. Erzählt wird die Geschichte von drei Generationen von Eisbären. Auslöser war das Hätschelkind der Nation, der kleine Eisbär Knud. Tawada macht daraus einen tierischen Generationenroman. Es kann aber auch ein Schelmenroman, eine Satire auf den Literaturbetrieb oder eine freche Auseinandersetzung mit dem Kalten Krieg sein, denn der Roman beginnt im sowjetischen Moskau, spielt in Ostberlin zu frostigen Zeiten und endet schließlich scheinbar kuschelig bei Knud im Westteil der Stadt.

Der neueste, im Original auf Japanisch verfasste Roman Sendbo-o-te schlägt ganz andere Saiten an. Nach einer Naturkatastrophe, die nicht näher genannt wird, wohl aber als Hintergrund die Nuklearkatastrophe von Fukushima im März 2011 hat, ist das ganze Land kontaminiert, alles ist verseucht und in sich brüchig, die Neugeborenen sind missgebildet und sterben früh, die alten Menschen können nicht sterben und werden älter und älter. Japan hat sich wieder abgeriegelt und lässt nichts Fremdes mehr ins Land, auch die Sprache wird gereinigt, Fremdwörter sind verboten. So schaurig die Szenerie ist, der verunstaltete Urenkel eines Schriftstellers bleibt optimistisch, die körperlichen Deformationen können seinen Lebensmut nicht brechen. Dieser Balanceakt menschlicher Existenz auf dem Drahtseil und am Trapez, eingebettet zwischen Horror und Humor, er gelingt der Sprachkünstlerin famos.

 

Zum Weiterlesen (Auswahl):

Sendbo-o-te. Roman. 2018

Etüden im Schnee. Roman. 2014

Mein kleiner Zeh war ein Wort. 12 Theaterstücke. 2013

Abenteuer der deutschen Grammatik. Gedichte. 2010

Schwager in Bordeaux. Roman. 2008

Überseezungen. 2002

Opium für Ovid. Ein Kopfkissenbuch von 22 Frauen. 2000

Aber die Mandarinen müssen heute abend noch geraubt werden. Prosa & Lyrik. Übersetzt von Peter Pörtner. 1997

Tintenfisch auf Reisen. 3 Geschichten. Übersetzt von Peter Pörtner. 1994

Wo Europa anfängt. Prosa und Gedichte. Japanisch und deutsch, übersetzt von Peter Pörtner. 1991 (NA 2006)

Alle im Konkursbuch-Verlag, Tübingen

Yoko Tawada, Text + Kritik, Zeitschrift für Literatur. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. Heft 191/192. München, Juli 2011 (mit Texten von Yoko Tawada und über sie von Hannah Arnold, Hugo Dittberner, Ilma Rakusa, Sigrid Weigel u.a.)

 

 

Lerke von Saalfeld, Jahrgang 1944, ist promovierte Literaturwissenschaftlerin, sie lebt und arbeitet als Journalistin und Literaturkritikerin in Stuttgart und Berlin. Seit Langem liegt ein Schwerpunkt ihrer Arbeit in der Beschäftigung mit Schriftstellern nichtdeutscher Muttersprache; sie hat 1998 den Band Ich habe eine fremde Sprache gewählt – ausländische Schriftsteller schreiben deutsch veröffentlicht.

PDF-Datei

2_2019_Tawada.pdf

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