Aktuelle Ausgabe März/April 2017


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Lebensfroh und sterbenswach – Der Dichter Klaus Merz: Ein Lichtschreiber in der Dunkelheit

Von Michael Braun

„Dichtung“, so hat es Norbert Hummelt einmal formuliert, „ist immer Lichttherapie, auch wenn sie dunkel ist.“ Gute Dichter, das darf man daraus ableiten, verfügen über ein besonderes Sensorium für Licht und Schatten, das sie befähigt, mit ihren Texten den Grund unserer Existenz auszuleuchten. Einer der vortrefflichsten „Lichtschreiber“ in der Gegenwartsdichtung ist der Schweizer Klaus Merz, der seine poetische Sensibilität in der Auseinandersetzung mit Werken der Bildenden Kunst immer weiter verfeinert hat. Als „Lichtschreiber“ porträtiert sich der Held seiner frühen Erzählung Latentes Material (1978) – und auch in den späteren Gedichten, Erzählungen und Romanen wird enge synästhetische Verbindung zwischen dem Schriftsteller und dem Bildbetrachter Klaus Merz hergestellt.

Seine dichterische Phantasie wird stimuliert von den Imaginationen der Kunstwerke, die den Bildgrund für seine lyrischen Einfälle liefern, die er selbst „Auffälle“ nennt. „Man muss eigentlich nur zuhören, was einem die Bilder sagen“, hat er in einem Gespräch mit dem Verfasser dieses Textes angemerkt, und die Semantik der von ihm intensiv erfassten Gemälde und Skulpturen transformiert er poetisch in einen luziden Lakonismus. In einem poetischen Essay über das Hieronymus Bosch-Bild „Kind mit Windrädchen“ (nachzulesen im Band Das Gedächtnis der Bilder, 2013) hat Merz vor einiger Zeit seine existenzielle Verbundenheit mit der zweiten Schöpfung der Kunst beschrieben. Die Faszination dieses Textes verdankt sich nicht nur der innigen Beschreibung des Bildes von Hieronymus Bosch, sondern der sichtbar werdenden Parallelität zwischen dem Betrachter selber und dem von Bosch gemalten Kind. Beide gehen in Merz´ Perspektive durch „die kalte planetarische Nacht“ – wobei der Betrachter durch die Dämmerung geht und im Museum Zuflucht sucht und sich das „Kind mit Windrädchen“ durch eine offenbar transzendenzlose Nacht bewegt. Wie es scheint, wird das Bild für den Betrachter zu einer Art Schutzpatron oder Talisman oder eben Medaillon, das einem das Leben rettet.

In Deutschland hat man den Rang des Schriftstellers Klaus Merz noch nicht annähernd erkannt. Auch die siebenbändige Werkausgabe im Haymon Verlag, deren Schlussband 2015 mit den Gedichten Außer Rufweite erschien, hat daran wenig geändert; immerhin erhielt er im Oktober 2016 den renommierten, von der Bayerischen Akademie der Schönen Künste vergebenen Rainer Malkowski-Preis.

Der Band Außer Rufweite versammelt seine Gedichte der Jahre 1992 bis 2013 und zeigt uns einen Autor, der vor allem von der strengen Konzentrationskunst des späten Günter Eich gelernt hat, alles Überflüssige aus seinen Gedichten zu verbannen. Seine frühen Gedichte standen noch im Bann einer an Paul Celan orientierten Kargheit, die aber in den Hintergrund trat, je mehr der 1945 in Aarau geborene Merz seiner Wahrnehmung vertrauen lernte.

Zum Leitmotiv seiner Arbeit wurde in den 1980er Jahren sein poetischer Dialog mit seinem fünf Jahre jüngeren Bruder Martin, der mit einer schweren Behinderung auf die Welt gekommen war und bis zu seinem frühen Tod 1983 Gedichte schrieb. Poesie ist seither für Klaus Merz zu einer Strategie der Lebensrettung geworden. Die versehrte Gestalt des Bruders mit dem Wasserkopf taucht auch in dem Mikro-Roman Jakob schläft auf, mit dem Klaus Merz 1997 international bekannt wurde: Die Geschichte einer Bäckersfamilie wird erzählt als Gruppenbild beschädigter Existenzen. Der Vater des Erzählers wird von epileptischen Anfällen heimgesucht, die Mutter leidet unter Depressionen, der Bruder ist mit dem Hydrocephalus gezeichnet, der Onkel stirbt einen überaus tragischen Tod. Und dennoch erzählt Merz diese Familiengeschichte nicht als düstere Leidensgeschichte, sondern als einen Bericht darüber, wie unter diesen schwierigen Umständen des beschädigten Lebens auch Glück möglich war.

Am Anfang seines Lyrik-Sammelwerks Außer Rufweite steht der erstmals 1995 publizierte Band Kurze Durchsage – und tatsächlich sind es kurze Durchsagen, die schlichte Botschaften oder plane Pointen verweigern und uns stattdessen ins existenziell Unsichere lotsen. Etwa im Gedicht „Besuch aus Russland“: „Durchs Oberlicht schaut/ ein Elephant ohne Zähne. / Die Zwölftönerin schlägt / die Finger in den Stubentisch, / das Klavier ist verpfändet. / Wir löffeln unsere Suppe / tierisch schnell aus.“

Klaus Merz entwickelt mit wenigen Strichen ein metaphysisches Gleichnis, um damit zum Kern der Dinge zu gelangen und die schwankenden Fundamente des Weltgebäudes freizulegen. Dieser Dichter ist ein Meister der Kürze, der sich extrem zurücknimmt und lieber die Phänomene selbst sprechen lässt, anstatt ihnen von außen Bedeutungen aufzunötigen.

In den stärksten Texten von Klaus Merz’ jüngstem Gedichtband Helios Transport demonstriert der Dichter nun erneut seine Fähigkeit, aus verlorenen, untergegangenen Wörtern noch einmal poetische Funken zu schlagen. Das Gedicht „Biblischer Verlust“ vermeldet etwa das Verschwinden der Vokabel „Hasenheber“ aus den Wörterbüchern und erinnert an den Ursprung des Wortes: Es ist offenbar ein Helvetismus für eine Schöpfkelle, mit der die Landwirte im Winter erfrorene Hasen aus ihren Ackerfurchen hoben. Bereits in einem älteren Gedicht, der Miniatur „Drei Kurzgeschichten“, hat Merz den „Hasenheber“ thematisiert. Es gibt aber einen interessanten Unterschied zwischen diesen beiden Gedichten. In „Biblischer Verlust“ entschließt sich Merz zu einer knappen erzählerischen Einkreisung des Wortes. In „Drei Kurzgeschichten“ ist Merz ganz dem späten Günter Eich verpflichtet. Denn hier werden disparate Substantive in der Art kryptischer Formeln miteinander verknüpft und daraus ein poetisches Bekenntnis destilliert, wobei das Rätsel der einzelnen Wörter gewahrt bleibt: „Windrose. Hasenheber. / Läutwerk: Der Widerstand / gegen die Ausführlichkeit / wächst weiter.“ Die „Windrose“, ein grafisches Element aus der Nautik, mit dem die Windrichtung dargestellt werden kann, wird mit der Bezeichnung eines Mechanismus zur Erzeugung des Läutens verbunden. Hinzu kommt dann der in „Biblischer Verlust“ enträtselte „Hasenheber“. Aber nur in „Drei Kurzgeschichten“ entsteht durch die Aussparung jedweder Erklärung ein poetischer Hallraum, in dem man den Klangreizen der Wörter folgen und ihre semantischen Kraftfelder ausloten kann. Kürzere Geschichten kann die moderne Poesie kaum schreiben.

Für eine Ausstellung in der Predigerkirche in Zürich hat Klaus Merz 2005 einen Beitrag mit dem sprechenden Motto „In den Staub geschrieben“ geliefert. An den Wänden der Kirche erschienen seine Gedichte, die ganz real „in den Staub geschrieben“ waren, da nämlich durch die Buchstaben die staubige Patina von der Wand gewischt wurde.  An dieses Motiv knüpfte auch der Gedichtband Aus dem Staub (erstmals 2010 erschienen) an, der nun das poetische Kraftzentrum des Bandes Außer Rufweite bildet. Die biblische Formel von der Vergänglichkeit des Menschen – „Alle, die sich abwenden vom Herrn, werden in den Staub geschrieben“ – wird hier ebenso wachgerufen wie die Bewegung eines Fliehenden, der sich „aus dem Staub macht“.  Für den „Lichtschreiber“ Klaus Merz sind es die Wörter, die manchmal heilende Wirkung haben können, wenn man wachsam bleibt gegenüber den Stereotypen, die sich in ihnen einzunisten drohen: „Es gibt Sätze / die heilen // und Tage, / leichter als Luft. //  Es gibt eine Stimme / die ich wiedererkenne // noch bevor sie / mich ruft.“

In Helios Transport ist der mittlerweile 72-jährige Klaus Merz sehr viel mit den letzten Dingen befasst, mit einer Sprache der Sterblichkeit und Vergänglichkeit. Es finden sich nicht wenige extrem verknappte Gedichte, Drei- und Vierzeiler, die gewissermaßen auf Augenhöhe mit dem Tod sprechen. Die schönste Miniatur des Bandes verbindet emphatisch das Bewusstsein des Existenz-Anfangs mit der stetigen Erwartung des Endes: „Eigentlich hatte er / seit jeher schon / angefangen aufzuhören: / lebensfroh / sterbenswach.“

 

Zum Weiterlesen:

Werkausgabe in sieben Bänden. 2015, 2352 Seiten, 149 Euro (auch einzeln erhältlich)

Besonders empfohlen:

Das Gedächtnis der Bilder. Texte zu Malerei und Fotografie. Band 5. 264 Seiten, 34,90 Euro

Außer Rufweite. Lyrik 1992-2013. Band 7. Hrsg. von Markus Bundi. 384 Seiten, 24,90 Euro

Unerwarteter Verlauf. Gedichte. Mit fünf Vignetten von Heinz Egger. 2013. 80 Seiten, 16,90 Euro

Helios Transport. Gedichte. Mit fünf Pinselzeichnungen von Heinz Egger. 2016, 80 Seiten, 16,90 Euro

Alle im  Haymon Verlag, Innsbruck

 

Michael Braun, geboren 1958, lebt als Literaturkritiker für die NZZ, den Tagesspiegel, den SWR und den Deutschlandfunk in Heidelberg. Er ist Herausgeber mehrerer Anthologien sowie des Lyrik-Taschenkalenders. Zuletzt erschien Die zweite Schöpfung. Poesie und Bildende Kunst. Michael Braun im Gespräch mit Klaus Merz, Nico Bleutge, Gerhard Falkner, Markus Roloff, Silke Scheuermann im Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2016.

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