Aktuelle Ausgabe: Juli/August 2018

Editorial

Ein Kanon der Literatur

sorgt immer für heftige Auseinandersetzungen, mindestens für angeregte Diskussionen, hat doch jeder seine Favoriten und findet, dass man dieses oder jenes Buch unbedingt gelesen haben muss! Aber egal, ob die »ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher« ab 1978 und der 1984 folgenden »100 Sachbücher«, ob »Marcel Reich-Ranickis Kanon lesenswerter deutschsprachiger Werke« ab 2002 oder Denis Schecks im vergangenen Jahr begonnener »wilder Kanon« jenseits der Genregrenzen, also inklusive Märchen, Krimis, Comics – sie alle zeichnen sich durch einen eklatanten Mangel an weiblichen Namen aus. In der ZEIT war es gerade mal Anna Seghers, die es mit dem Siebten Kreuz in die Bibliothek schaffte, bei Reich-Ranicki tauchen neben ihr wenigstens die Dichterinnen Annette von Droste-Hülshoff, Else-Lasker-Schüler, Ingeborg Bachmann und Sarah Kirsch auf. Und Denis Scheck nennt immerhin Jane Austen, Virginia Woolf, Gertrude Stein, Marguerite Yourcenar, Tania Blixen, Agatha Christie und zuvorderst: Astrid Lindgren.

Die Skepsis der Intellektuellen gegenüber der Idee eines Kanons in den 1960er und 1970er Jahren gründete damals in der Sorge, die Vielfalt der Kultur zugunsten bürgerlicher Bildungsziele zu beschneiden – von einer Frauenquote war noch sehr lange überhaupt keine Rede. Inzwischen sind wir von Auflistungen aller Art dermaßen umstellt, dass eine Hierarchisierung selbstverständlich geworden ist: bei literarischen Bestsellern wie bei Sternerestaurants, bei touristischen Besonderheiten und kulturellen Kuriositäten, bei Kochrezepten oder irgendwelchem Bildungsgut, das als Highlight, Leuchtturm, Big Point etc. verkauft wird.

Keine Frage: Wir benötigen alle eine Orientierung in der unübersehbaren Fülle der Angebote, wünschen uns Kriterien zum Beurteilen der Kunstwerke, die uns umgeben. Aber war da nicht mal die Aufforderung von Kant, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen?! Die Romantikerin Bettine von Arnim hat es ähnlich formuliert: »Selbstdenken ist der höchste Mut. Wer wagt, selbst zu denken, der wird auch selbst handeln.«

Wir wünschen Ihnen allen einen schönen Literatursommer. Und lesen Sie mal Bücher von Schriftstellerinnen, da gibt es Unglaubliches zu entdecken!

 

Ihre Irene Ferchl

Nach oben

PDF-Datei

4_2018_Editorial.pdf

Editorial als PDF-Datei zum Download

831 K