Aktuelle Ausgabe November/Dezember 2017


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Spontan und überlegt, beiläufig und essentiell – Kerstin Preiwuß lässt in Lyrik und Prosa eine eigene Stimme vernehmen

In dem Roman Restwärme kehrt Marianne, eine junge Geologin und alleinerziehende Mutter aus Berlin anlässlich des Todes ihres Vaters in ihr Elternhaus in der ostdeutschen Provinz zurück. Die Erinnerungen der Heimkehrerin an die Kindheit im kleinen Dorf und in einer Familie, in der Gefühle, Talente und Wünsche kaum Raum finden, werden ungewöhnlicherweise im Präsens erzählt, die Rahmenhandlung dagegen im Präteritum. Durch diesen erzählerischen Zeitentausch rückt die traurige Vergangenheit bedrohlich nahe, verschluckt die Geschichte die Gegenwart.

In einer Szene wird der Beruf des Vaters geschildert: Auf einer Nerzfarm züchtet und vergast er Tiere, aus denen Export-Pelzmäntel »Feinste Qualität, made in GDR« entstehen. Mit der Schilderung der Aufzucht und dem grausamen Mord an den Nerzen aus der mitleidlos gewordenen Perspektive des Vaters spaltete Preiwuß beim Ingeborg-Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt die Jury, die sich darüber mokierte, dass über die väterliche NS-Vergangenheit eine Analogie zwischen den vergasten Nerzen und den in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern ermordeten Menschen lesbar wurde.

Restwärme ist ein streckenweise tatsächlich schwer erträgliches Buch. Doch sollte man das nicht an diesem Vergleich festmachen. Die Dialoge, in denen die Familienmitglieder miteinander sprechen, sind bis an die Grenze der Sprachlosigkeit getrieben, alle Protagonisten sind Verlierer. Wenngleich sich das Buch durch seine zeitweilige Überpointiertheit und die Härte seiner Konstruktion in gewisser Weise noch als Erstlingswerk zu erkennen gibt, zeigt sich bereits, dass Kerstin Preiwuß über immense sprachliche Gewandtheit, Lebensklugheit und exorbitante Beobachtungsgenauigkeit verfügt.

Die innere Notwendigkeit des Sprechens

Die 1980 in Lübz geborene Autorin debütierte mit dem Gedichtband Nachricht von neuen Sternen, der 2006 in der Connewitzer Verlagsbuchhandlung erschien, und es ist naheliegend, im Kontext der sprachlichen Versiertheit der Autorin auf die lyrischen Veröffentlichungen zu verweisen. Auf jeden Fall zeigen die drei Bände Nachricht von neuen Sternen, Rede und Gespür für Licht die enge motivische Verflechtung ihrer Lyrik und Prosa. Schon in Nachricht von neuen Sternen häufen sich Motive, die in den Romanen ebenfalls eine Rolle spielen: Märchen, Mythen, Familiengenealogien, die Suche nach der Identität des sprechenden Ichs im Erlebten, Erschriebenen, Erdachten. Sichtbar werden darin auch bereits die Abgründe, die sich in jedem Menschsein auftun, wenn man bereit ist, genauer hinzusehen, wenn man begreift, dass Schweigen die Kehrseite der »Rede«, ein Gespür für Schatten die notwendige Voraussetzung für das »Gespür für Licht« ist.

Rede, Preiwuß’ dreizehnteiliges Langgedicht, lässt Anklänge an große Dichtervorfahren erkennen: Mallarmé, Rilke und Celan. Von Stéphane Mallarmé stammt auch das Motto des Bandes: »Ein Streben meiner Zeit ist es, den doppelten Status der Rede auseinanderzuhalten, roh und unmittelbar auf der einen, essentiell auf der anderen Seite.« Auf der Suche nach einem bestimmten Modus des Redens spannen sich die Verse in Rede auf zwischen Unmittelbarkeit und Direktheit, zwischen der Spontaneität des Sprechens und dem Essentiellen. Über Spontanes und Gegenwärtiges hinaus verweist jenes Essentielle auf etwas dauerhaft Gültiges. Bei der Wahl ihrer Mittel greift Preiwuß zu allen der Lyrik zu Gebote stehenden rhetorischen Kniffen und Finessen.

Sprechen ist in diesen Gedichten eine innere Notwendigkeit. Das sprechende Ich sieht sich regelrecht gezwungen, die Dinge von allen Seiten zu betrachten, sie zu benennen, sie anzuzweifeln – bis hin zur Gewalt: »dein schädel stülpt seinen inhalt um wie ein gugelhupf / den du aus der form stürzen musst um ihn zu genießen.«

Kerstin Preiwuß’ Annäherung an die immer neu zu stellenden Fragen der Dichtung, die Fragen nach Liebe und Tod, ist lyrisch – im besten und wahrsten Sinne des Wortes. Und die Aufbruchsstimmung, die in dieser Stimme liegt, ist nicht zu überhören: »dann sag ich wie es war / als der schwarze mann / sein umriss aus schatten mich verschlang // später sag ich später war dann / als er verschwand«.

Die Wirklichkeit der Wendeverlierer

In ihrem zweiten Roman Nach Onkalo führt die Autorin erneut vor, wie geschickt sie bei gleichzeitig hoher Sprachökonomie Figuren plastisch werden lässt, die am besten als Sprachlose zu charakterisieren sind. Zu Recht stand der Roman auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2017.
Wie Restwärme ist auch Nach Onkalo in der ostdeutschen Provinz angesiedelt. Viele haben den Landstrich bereits verlassen, in dem Hans Matuschek mit seiner Mutter zusammenlebt. Dann stirbt die Mutter und wird im Rahmen einer jener trostlosen Beerdigungen beigesetzt, wie sie sich nicht nur auf Dörfern regelmäßig ereignen: gemurmeltes Beileid, ritualisiertes Bedauern.

Matuschek ist Anfang Vierzig, eine verlorene Seele. Er hat es aber doch irgendwie gelernt, sich in seiner Sprachlosigkeit häuslich einzurichten. Durch das ödipal zu nennende Verhältnis, in dem er mit seiner Mutter gelebt hat, ist er nie an eine Frau gekommen. Die Wende hat er miterlebt, oder sollte man sagen: hingenommen? Nach der Mutter verliert er auch noch seine Arbeit. Das sich anbahnende Verhältnis zu der Russin Irina geht rasch wieder in die Brüche. Doch trotz Pornovideokonsums und eines Mangels an Gestaltungswillen, was das eigene Leben angeht, wird Matuschek nicht als vollends traurige Figur gezichnet. Er hat in dem Russen Igor, seinem Nachbarn, einen ruppigen Freund gefunden. Auch der alte Witt, der Matuscheks und Igors Skatrunde komplettiert, früher im Atomkraftwerk Lubmin gearbeitet hat und nun Tauben züchtet, ist eine Konstante in Matuscheks Leben, und in der durchaus zärtlich grundierten Bekanntschaft mit Irina scheint für Momente eine utopische Seite auf. Als schließlich Igor eines tragischen Todes stirbt und ein schräger Vogel namens Lewandowski, kahlrasiert und mit Raptorengesicht, verwickelt in krumme Machenschaften und von tumber Brutalität, auftaucht, scheint Matuscheks Untergang besiegelt.

Es gehört zu den großen Stärken der Autorin, ihre Figuren nicht durch einen mehr oder weniger vorhersehbaren Plot zu treiben. Subtil und selbstverständlich lässt sie ihre Leser ganz selbstverständlich teilhaben an den trostlosen Wirklichkeiten sogenannter Wendeverlierer. In sanft zugespitzten Abwärtsbewegungen entfalten Restwärme und Nach Onkalo etwas Bezwingendes. Die drängenden Fragen der Figuren werden zu denen der Leser: »An was für ein Leben wäre sich zu erinnern? Beim Erinnern versagt die Einbildungskraft. Wann ist man an der Reihe? Was wünscht man sich dann? Wünsche erfüllen sich nicht. Sie ersetzen nur.«

Ob Marianne die traurigen Familienmuster, die der Roman Restwärme in seinem Fortgang aufdeckt, an ihre Tochter weitergeben wird, so wie ihr Vater sie von seinen Eltern geerbt und an seine Kinder weitergegeben hat? Was wird aus Matuschek noch werden, nachdem der Roman Nach Onkalo seinen Lesern ein ebenso überraschendes wie offenes Ende beschert?

Tradition eines lyrischen Singens

Am eindrucksvollsten im bisher vorliegenden Werk der Autorin ist aber Gespür für Licht. In dem in vier Teile und in den Lauf der Jahreszeiten gegliederten dritten Lyrikband stehen Todes- und Verlusterfahrungen im Fokus, die Angst vor einer Fehlgeburt klingt an: »Ich muss liegen / Jede Bewegung lässt Nadeln vibrieren. / Entweder droht Endsturz oder Lawine. / Ich kann das spüren. / Der Bauch wird zur Last.« Oder die Angst vor einem Kindstod: »Kein Kind mehr im Haus. / So hallt es in Füße und Hände. / Da ist es November.«

Kerstin Preiwuß zieht auch hier eine Reihe abendländischer Dichter heran, doch niemals epigonal oder geziert. Im Kontext der klaren, knappen Verse gliedert sich die Tradition eines lyrischen Singens, das Stimmen von Rilke aufruft, aber ebenso an Sylvia Plath oder Paul Celan erinnert. Und doch ist der Ton ganz eigen, ein lyrisches Sprechen, das von individueller Erfahrungstiefe gesättigt erscheint und sie doch diskret umschlagen lässt in etwas, das alle Leser anspricht.

 

Zum Weiterlesen:

Nachricht von neuen Sternen. Gedichte. Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig 2006. 80 Seiten, 10 Euro

Rede. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 92 Seiten, 8 Euro

Ortsnamen in Zeit, Raum und Kultur – die Städte Allenstein / Olsztyn und Breslau/Wroclaw. Frank & Timmer, Berlin 2012. 470 Seiten, 49,80 Euro

Restwärme. Roman. Berlin Verlag, Berlin 2014. 224 Seiten, 18,99 Euro

Gespür für Licht. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2016. 128 Seiten, 18 Euro

Nach Onkalo. Roman. Piper Verlag, München 2017. 240 Seiten, 20 Euro

 

Beate Tröger, geboren 1973 in Selb/Oberfranken, lebt in Frankfurt a. M. und arbeitet als Literaturkritikerin für Zeitungen und Zeitschriften (Freitag, FAZ, Frankfurter Hefte) und das Radio (DLF, SR), zudem ist sie als Moderatorin tätig.

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