Aktuelle Ausgabe Juli/August 2017


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Vergnügen und Erkenntnis – Warum es sich lohnt, Jane Austen zu lesen

Von Irene Ferchl

An Jane Austen kommt in diesem Gedenkjahr – sie starb am 18. Juli 1817 – niemand vorbei und genau das bildet die erste Schwierigkeit: aus der Fülle der neu erschienenen und wieder aufgelegten Ausgaben eine ansprechende zu finden. Die Marketingabteilungen der Verlage haben sich nämlich darin überboten, »bezaubernde Geschenkbücher« auf den Markt zu bringen, sodass man nun die Wahl zwischen lieblichen und kitschigen Umschlägen hat, zwischen geblümt und floral gemustert, historischen Mädchenbildnissen und modischen Püppchen, zudem angepriesen unter Überschriften wie: »Mit Jane Austen die Liebe entdecken«, »From Jane with Love« oder als »Heilmittel gegen Liebeskummer«.

Warum die Romane einer so bedeutenden klassischen Schriftstellerin derart aufgehübscht in die triviale Frauenliteraturecke gepackt werden müssen, verstehe wer will, aber dazu passt, dass zum 200. Todestag auch allerlei Breviere mit Texthäppchen erschienen sind – ob die allerdings wirklich Appetit machen können?

Gern werden bewundernde Gewährsleute zitiert, die modernen Kolleginnen Elena Ferrante und Jane Rowling oder Denis Scheck, der sogar eine Lesetour unternimmt und Jane Austen einerseits zur Trostspenderin erklärt, ihr andererseits die Bedeutung einer »großen literarischen Portalfigur an der Schwelle zu einem neuen Jahrhundert« zuerkennt, wie dies später Franz Kafka war, und zwar in dem Sinn, »dass ihre Sätze uns in unserem Wesen und unserer Wahrnehmung zu verändern imstande sind«. Was Austen und Kafka außerdem verbindet, ist ihre immense Beliebtheit sowohl bei den LeserInnen wie in der Literaturwissenschaft sowie nicht zuletzt bei Filmschaffenden und BuchautorInnen, die sich durch Sujets oder Heldinnen zu hybriden Nachempfindungen inspirieren lassen. Diese Art der Rezeption wäre eine eigene Geschichte.

»Ein Leser, ganz gleich, ob männlich oder weiblich, der an guten Romanen kein Vergnügen hat, muss unerträglich dumm sein.«

Übrigens hat Jane Austen selbst in ihrem Roman Northanger Abbey eine Parodie auf die gotischen Schauerromane einer Ann Radcliffe und eines Horace Walpole verfasst: Ihre junge Protagonistin Catherine Morland phantasiert sich unter dem Einfluss dieser Lektüre bei ihrem Aufenthalt im Kloster in abenteuerliche Vorstellungen von gruseligen Verbrechen. Später schämt sie sich dafür und muss erleben, dass die Wirklichkeit Schlimmeres bereithält, nämlich Verrat durch Eitelkeit, Falschheit und Geldgier.

In diesem Buch diskutieren die Figuren überdies ständig über ihre Romanlektüre und den richtigen Sprachgebrauch; Henry Tilney beweist seine intellektuellen Qualitäten als späterer Ehemann etwa durch seine Wertschätzung von Romanen oder durch seine Kritik an dem inflationär verwendeten Wort »schön« (»nice«).

Northanger Abbey (beziehungsweise Kloster Northanger oder Die Abtei Northanger je nach Übersetzung) ist mit seinen satirisch gezeichneten Nebenfiguren vielleicht der witzigste von den sechs vollendeten Romanen und derjenige mit der ungewöhnlichsten Geschichte: Verfasst von der kaum über Zwanzigjährigen, wurde das Manuskript 1803 für zehn Pfund Honorar an einen Verlag verkauft, der das Buch zwar ankündigte, aber nicht veröffentlichte. Einige Jahre später erkundigte die Autorin sich danach, natürlich wieder anonym, und erhielt es schließlich 1816 für denselben Preis zurück. Erschienen ist es dann erst 1817 nach ihrem Tod, gleichzeitig und im Doppelpack mit dem letzten Werk Persuasion (auf Deutsch Überredung oder auch Anne Elliot). Darin bildet sie anschaulicher als zuvor gesellschaftliche Veränderungen ab: wie der Landadel verarmt, während die Marineangehörigen zu Vermögen und sozialem Status gelangen. Damit hat der aufgestiegene Protagonist Captain Frederick Wentworth sieben Jahre nach ihrer von Annes Patin forcierten Entlobung eine neuerliche Chance und beider unverändert große Zuneigung führt zum Happy End – in die Ehe. Denn darum, wer wen heiratet, geht es in allen Romanen von Jane Austen, aber bis dahin ist es ein langer, oft dornenreicher Weg: Mehr Missverständnisse als Konkurrenten müssen aus demselben geräumt werden, denn die Liebe überwindet nicht ohne Weiteres die gesellschaftlichen Schranken.

»Ich erkläre schlankweg, dass nichts so viel Freude macht wie Lesen! Wie viel schneller bekommt man alles andere satt als ein Buch!«

Die Schauplätze in Jane Austens Romanen sind die Herren- und Pfarrhäuser in Südengland, manchmal mit Ausflügen nach London oder in das mondäne Bath, die Zeit ist das frühe 19. Jahrhundert, ihr Personal sind die Angehörigen der »landed gentry«, das heißt: entstammen dem niederen Landadel und Bürgertum mit entsprechendem Grundbesitz; sie schildert damit genau die Epoche und das Umfeld, das sie gut kennt. Ihr besonderes Talent – das erkannte schon der Zeitgenosse Sir Walter Scott, der Meister historischer Romane – liegt darin, »Verwicklungen, Gefühle und Charaktere des alltäglichen Lebens zu beschreiben«. Fast neidisch sah er dieses besondere Fingerspitzengefühl, das ganz gewöhnliche Alltagsdinge und Personen durch die Wahrhaftigkeit der Beschreibung interessant macht. Die unbestechliche Kollegin Virginia Woolf betrachtete Jane Austen als Vorläuferin von Henry James und Marcel Proust und charakterisierte sie als »Herrin über weit tieferes Empfinden, als an der Oberfläche erscheint. Sie regt uns an, hineinzudenken, was nicht da ist. Was sie bietet, ist scheinbar eine Kleinigkeit, besteht aber aus etwas, das sich im Geiste des Lesers entfaltet und mit der dauerhaftesten Form des Lebens Szenen ausstattet, die äußerlich trivial sind. Der Akzent liegt stets auf der Charakterzeichnung.«

Und darum, weil sich die Menschen im Wesentlichen doch gleich bleiben in ihren Verhaltensweisen, weil es die zeitlosen Archetypen der Bösewichte und Zauderer, frommen Wohlanständigen und eitlen Gecken, Selbstsüchtigen und Sorgenvollen, Streithammel und ja, auch die liebenswürdigen, altruistisch um ihre Umgebung besorgten Gutmenschen gibt, darum bleiben diese Romane aktuell, darum greift der Vorwurf des Unpolitischen nicht. Zwar kommen die zeithistorischen Ereignisse in den Romanen nicht vor und auch von den emanzipatorischen Ideen, wie sie Mary Wollstonecraft 1792 formulierte, ist nicht die Rede, aber Jane Austen schreibt mit weiblichem Blick, steht immer dezidiert auf der Seite der Frauen, benennt die ungerechten Erbschaftsgesetze und einengenden Konventionen. Aber von großer Bedeutung ist für sie, dass die Partner, die sich zur Ehe finden, wenn Geld und Liebe stimmen, geistig ebenbürtig sind.

»Einmal im Leben sollte jede das Recht haben, aus Liebe zu heiraten.«

Jeder ihrer Romane – das gilt eingeschränkt auch für die Frühwerke und die unvollendet gebliebenen – hat seinen ganz speziellen Duktus, auch wenn Topoi und Typen sich ähneln mögen.

In Vernunft und Gefühl (Sense and Sensibility), dem ersten, 1811 unter dem Pseudonym »By a Lady« veröffentlichten Roman, und in Stolz und Vorurteil (Pride and Prejudice) stehen Schwesternbeziehungen im Mittelpunkt – die Letztere dieser Sittenkomödien beginnt mit dem berühmt gewordenen Satz: »Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, daß ein Junggeselle im Besitz eines schönen Vermögens nichts dringender braucht als eine Frau.«

In Mansfield Park, dem mit über 500 Seiten umfangreichsten Werk Jane Austens, dauert es entsprechend lang, bis die im Haus ihres reichen Onkels als eine Art Aschenputtel gehaltene und die Liebeswirren um sich herum beobachtende Fanny Price ihr eigenes Glück findet. Den größten Erfolg erzielte Austen mit dem 1815 bei John Murray erschienenen Roman Emma, in dem die schöne, gescheite und reiche Titelheldin sich zur Ehestifterin berufen fühlt und in zahlreiche Fettnäpfchen tritt; mit ihrer altklugen Überlegenheit ist sie die unkonventionellste und interessanteste Figur – von der die Autorin meinte, kein Mensch außer ihr selbst würde sie mögen.

»Wozu leben wir, wenn nicht um unseren Nachbarn Anlass zum Lachen zu geben und dafür umgekehrt über sie zu lachen.«

Noch keine Rede war davon, dass das größte Lesevergnügen die geschliffenen, lebendigen Dialoge bereiten, in denen Jane Austens »scharfer Intellekt und die feine Kritik an den Zeitgenossen« (Ruth Klüger) zur Geltung kommen, sie als ebenso große Sprachkünstlerin wie Sittenbeobachterin ausweisen. Feinsinnige LeserInnen sollten deshalb auf die Übersetzung achten, die bei aller seriösen Gründlichkeit des Ehepaars Christian und Ursula Grawe nun mal leider veralten kann; die Neuübersetzungen von Andrea Ott geben den Sätzen der Klassikerin Austen hingegen einen neuen Glanz.

»Die vollkommenste Künstlerin unter Frauen, die Autorin, deren Bücher unsterblich sind, starb, gerade als sie begann, zu ihrem eigenen Erfolg Vertrauen zu fassen.« (Virginia Woolf)

Und was die Biografien anbetrifft, ist zwar die neueste nicht immer die beste, doch By a Lady – Das Leben der Jane Austen von Rebecca Ehrenwirth und Nina Lieke liest sich flott und kann durch die Verweise auf die aktuelle Rezeption vielleicht ein junges Publikum ansprechen, was Grawes etwas professoraler und auch angejahrter »Darling Jane« eher nicht gelingt. Wer eine ebenso sachkundige wie elegante Lebensgeschichte lesen möchte, bei der die Autorin stilistisch auf der Höhe ihrer Protagonistin steht, greife zu der vor zwanzig Jahren zuerst erschienenen und bis heute lieferbaren Biografie von Elsemarie Maletzke. Da begegnet uns Jane Austen lebendig und talentiert und überzeugend als jemand, die uns wirklich etwas zu erzählen hat. Oder wie Virginia Woolf knapp konstatierte: »Charmant, aber kerzengerade, zu Hause geliebt, aber von Fremden gefürchtet, von scharfer Zunge, aber zärtlichem Herzen – diese Gegensätze sind keineswegs unvereinbar, und wenn wir die Romane betrachten, werden wir auch dort vor derselben Komplexität der Autorin ins Stocken geraten.«

 

Zum Weiterlesen (Auswahl):

Die Romane Stolz und Vorurteil, Vernunft und Gefühl und Northanger Abbey erschienen in neuen Übersetzungen von Andrea Ott bei Manesse.

Als Insel-Taschenbücher sind die vier bekannteren Romane (Emma, Stolz und Vorurteil, Mansfield Park, Verstand und Gefühl) erschienen sowie zwei Sammelbände Witziges, Weises, Geniales und Gemeines und Jane Austen über die Liebe, herausgegeben von Felicitas von Lovenberg. Auch bei dtv und Fischer finden sich die Romane in deutscher Übersetzung.

Für Reclam haben Ursula und Christian Grawe bereits Anfang der 80er Jahre alle sechs Romane übersetzt und kommentiert, später auch die Jugendwerke (Die schöne Cassandra), die unvollendeten Romane (Die Watsons – Lady Susan – Sanditon) und die Briefe. Außerdem liegen von ihnen eine ältere, nun neu aufgelegte Biografie (»Darling Jane«), ein literarischer Führer zu den Romanen in einzelnen Artikeln, ein Tagebuch-Kalender und Jane Austen zum Vergnügen vor.

Lesenswerte Biografien stammen von Elsemarie Maletzke (Schöffling & Co. 1997) und neu in diesem Jahr By a Lady. Das Leben der Jane Austen von Rebecca Ehrenwirth und Nina Lieke (Lambert Schneider, WBG).

Brigitte Ebersbach hat ein Bändchen Gäste und Feste bei Jane Austen mit Passagen aus Romanen und Briefen herausgegeben (Ebersbach & Simon), die beigegebenen Rezepte stammen aus Das Jane Austen Kochbuch von Maggie Black und Deirdre Le Faye (Reclam, 2013).

 

Die Gärten der Jane Austen von Kim Wilson lädt mit Fotos und Texten zu Ausflügen zu den Schauplätzen ihrer Romane (DVA, 2009) und Holly Ivins zu einer Entdeckungsreise durch ihre Welt (DVA, 2017).

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