Ausgabe: Juli/August 2012


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Der heimliche Zyniker

Hermann Hesse zum 50. Todestag 

Von Holger Wetjen

Wie stellen wir uns einen Philosophen vor? Er tut die meiste Zeit nichts als schreiben, einsam und zurückgezogen in seiner knapp möblierten Wohnung. Er liest wenig, aber wenn, dann intensiv. Wichtiger als das Lesen ist ihm schon der Spaziergang, auf dem er die Natur (inklusive Menschen) studiert. Er isst wenig, aber wenn, dann im Restaurant. Nicht zurückhalten kann er sich mit Tabak und Kaffee. Eine Geliebte hat er selten, und wenn, dann aus Trieb, nicht aus Bindungsbedürfnis. Über alles liebt er Tiere, sein Haustier ersetzt ihm die Partnerschaft vorzüglich. Und weil er im Kopf die Ordnung hat, leistet er sich im Leben das Chaos.

Hermann Hesse war und hatte dies alles. Um nur das Haustier-Klischee zu bemühen: Wenn sein Papagei Polly nicht gewesen wäre, hätte Hesse sich im August 1920 per Selbstmord aus der Welt geschafft und sein Werk halbfertig stehen lassen. Doch man soll Philosophen nicht an Äußerlichkeiten festmachen. Dass Hesse vielleicht zeitlebens seine philosophischen Essays höher schätzte als seine Romane, erschließt sich, wenn man zum Romanwerk des vor fünfzig Jahren Verstorbenen seine autobiografischen Schriften, Betrachtungen und Selbstzeugnisse liest, die der Suhrkamp Verlag in einer zehnbändigen Taschenbuchausgabe neu ediert hat. Sie zeigen einen Hesse, der, wie vor ihm die Romantiker, viel stärker von der Philosophie Kants beeinflusst war, als gern angenommen wird. In seiner Betrachtung Romantik und Neuromantik nennt Hesse 1902 als Hauptmerkmal des romantischen Denkens, Zeit und Raum als Konstrukte des Intellekts zu sehen, und schreibt über Novalis: „Der Ofterdingen spielt heute, nie und nimmer. Daß über den Bannkreis von Zeit und Ort hinweg ewige Gesetze walten, daß der Geist dieser ewigen Gesetze in jeder Seele schlummernd wohnt, daß alle Bildung und Vertiefung des Menschen darauf beruht, diesen Geist im eigenen Mikrokosmos zu kennen, sich seiner bewußt zu werden und aus ihm den Maßstab für jede neue Erkenntnis zu nehmen, das ist in kurzen Worten die Lehre Novalis’.”

Zeit und Ort als Bannkreis, das hatte Hesse aber nicht erst von Kant erfahren, sondern schon in der Familie, in Gesprächen mit seinem Großvater, dem Indologen Hermann Gundert. Es ist die Lehre, dass ich mich selbst im Anderen noch einmal sehe, das indische: „Tat twam asi”. Auch dem Vater Johannes Hesse war der Gedanke nicht fremd. Er schrieb 1865 an den Basler Missionsverein, er wünsche sich eine korporative Gemeinschaft, „in welcher mein Ich verschwinden würde – denn es war mir längst zu stark geworden”.

Egoismus galt in der Missionarsfamilie als bürgerliche Manier. Wie die mittelalterlichen Mönche sahen die Hesses das städtische Bürgertum als verworfenen Stand an: zu eigensinnig, zu optimistisch, zu krämerhaft. „Daß Menschen ihr Leben als Lehen von Gott ansehen”, erinnert sich Hesse in Mein Glaube, „und es nicht in egoistischem Trieb, sondern als Dienst und Opfer vor Gott zu leben suchen, dies größte Erlebnis und Erbe meiner Kindheit hat mein Leben stark beeinflußt. Ich habe die ,Welt’ und die Weltleute nie ganz ernst genommen, und tue es mit den Jahren immer weniger.”

Die Weltleute nicht ernst nehmen heißt aber auch immer, sich selbst als erwählt anzusehen. Mit zwölf Jahren wusste Hesse: „Ich will Dichter oder gar nichts werden!” In die Fußtapfen des Vaters zu treten kam für ihn nicht infrage, aus dem Theologenseminar in Maulbronn brach er aus. Zur Strafe steckte der Vater ihn in die Nervenheilanstalt Stetten, was den Sohn nur noch mehr in der Überzeugung stärkte, erwählt zu sein. – Erwählt? Wofür? Zu einem Heiligenleben war ihm der Weg nach dem Ausbruch in Maulbronn ein für allemal verbaut. Blieb nur die Flucht nach vorn: zum Wüstling, zum Künstler. Auch damit hatte er aber insgeheim ein Problem: Er hatte Kunst im Elternhaus nie als etwas Positives kennen gelernt. Die Mutter Marie Hesse las nur pietistische Erbauungsliteratur, bei seinem Vater Johannes musste Hermann um Erlaubnis bitten, wenn er einen weltlichen Autor lesen wollte. Er musste also Kunst schaffen und zugleich den schmutzigen Kunsttrieb sublimieren. Wie das?

Durch idealistische Umdeutung. Fast klingt es wie eine Entschuldigung, wenn im Steppenwolf Hesses Alter Ego im „Vorwort des Herausgebers” über Harry Hallers Aufzeichnungen schreibt: „Ich zweifle nicht daran, daß sie zum größten Teil Dichtung sind, nicht aber im Sinn willkürlicher Erfindung, sondern im Sinne eines Ausdrucksversuches, der tief erlebte seelische Vorgänge im Kleide sichtbarer Ereignisse darstellt.”

Das Paradox: Seit 1904 lebte Hesse als freier Schriftsteller. Das heißt, das so obenhin lesende Bürgertum, der „common sense”, bezahlte ihm gewissermaßen seinen Lebensunterhalt. Diese Doppelmoral war Hesse bewusst. Als Hugo Ball 1921 an seinem Byzantinischen Christentum schrieb, führten die nah beieinander in Montagnola lebenden Kollegen ein Gespräch über die Marktausrichtung der neueren Autoren, und Hesse hielt in seinem Tagebuch fest: „Die Unterschiede zwischen guter und schlechter Literatur, die ich früher sehr ernst nahm, fallen mir mehr und mehr dahin, und zwischen Ernst Zahn und Thomas Mann, zwischen Ganghofer und Hermann Hesse ist kein nennenswerter Unterschied mehr, auch das Bessere und Beste unserer Zeit ist Schwindel.”

Hesses eigene Doppelbindung macht seine Rezeption so kompliziert: Als Wanderer mit dem Strohhut wurde er von den Nietzscheanern belächelt, als politischer Abstinenzler von den Linken verbannt. Das blieb nach seinem Tod eine Zeit lang so, einen Chor der hübschesten Abgesänge stellt Gunnar Decker in seiner neuen Biografie zusammen. Trotzdem stiegen die Verkaufszahlen der Hesse-Romane stetig an. Als 1969 Timothy Leary in seinen LSD-Visionen den Geist des Steppenwolf heraufbeschwor, wurde das Werk in der Beat-Generation zum Kultbuch. Am sympathischten wären dem Philosophen Hesse vielleicht gerade diejenigen Erben, die seine Werke, ganz dionysisch, vertonten, wie es Anyone’s Daughter 1981 mit Piktors Verwandlungen tat. 2009 haben Konstantin Wecker, Jan Vogler und Ina Müller mit anderen Schauspielern und Musikern wie Roger Cicero und Giora Feidman die von denKomponisten Schönherz & Fleer vertonten Texte von Hesse für die CD Verliebt in die verrückte Welt eingespielt. Justus Hermann Wetzels Hesse-Lieder sind dieses Jahr von der Berliner Universität der Künste neu aufgezeichnet worden.

 

Zum Weiterlesen und -hören:

Hermann Hesse, Das essayistische Werk. Autobiographische Schriften. Betrachtungen und Berichte. Die politischen Schriften. 7127 Seiten, 148 Euro

Hermann Hesse, „Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!” Briefe 1881-1904. 600 Seiten, 39,95 Euro

Hermann Hesse, Der Steppenwolf. 229 Seiten, 9 Euro

Alle bei Suhrkamp, Berlin 2012

Gunnar Decker, Hermann Hesse. Der Wanderer und sein Schatten. Biographie. Carl Hanser Verlag, München 2012. 703 Seiten, 26 Euro

Schönherz & Fleer, Verliebt in die verrückte Welt. Hesse Projekt Vol. 2. Der Hörverlag. CD. 10 Euro

Nachklang. Lieder von Justus Hermann Wetzel. Mit Peter Schöne und Olivia Vermeulen (Gesang) sowie Eduard Stan und Liana Vlad (Klavier). Genuin. CD. 18,90 Euro

 

Holger Wetjen, geboren 1977 in Bremerhaven, lebt als freier Journalist in Paris. Veröffentlichungen unter anderem zur Bibel, Kirchengeschichte und systemischen Therapie.

 

 

Zum 50. Todestag Hermann Hesses finden in seiner Geburtstadt Calw und an seinen Wohnorten Gaienhofen und Montagnola vielerlei Veranstaltungen statt.

„Hermann Hesse – Vom Wert des Alters“ ist der Titel der Ausstellung mit Fotografien aus über dreißig Jahren von seinem Sohn, dem Berufsfotografen und als „Poet der Kamera“ gerühmten Martin Hesse. Zu sehen sind sie (darunter unsere Fotos) bis 28. Oktober im Hermann-Hesse-Höri-Museum in Gaienhofen. www.hermann-hesse-hoeri-museum.de 

Am 1. Juli beginnt in Calw der zehnte „Gerbersauer Lesesommer 2012“ mit musikalisch umrahmten Lesungen und literarischen Spaziergängen. Außerdem gibt es Ausstellungen und Vorträge, Konzerte, Führungen und Wanderungen, sogar Public Viewing („Die Heimkehr“) und ein Rockkonzert mit Peter Maffay & Band auf dem Marktplatz sind geplant. www.calw.de

2012_04_Hesse.pdf

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2.8 M

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