Ausgabe: Januar/Februar 2016


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Schreiben als Traum und Risiko – Ein Porträt des Schriftstellers, Herausgebers und Übersetzers Ralph Dutli

Von Beate Tröger

„Wo beginnen? Alles kracht und schwankt. / Die Luft zittert vor Vergleichen. / Kein Wort ist besser als das andere, / Die Erde dröhnt vor Metaphern, / Und die leichten zweirädrigen Wagen / mit dem grellen Geschirr von dicht gedrängten Vogelschwärmen / Brechen in Stücke / Im Wettkampf mit den schnaubenden Lieblingen der Rennplätze. / Dreimal selig, wer den Namen einführt ins Lied!“ Führen wir ihn also ein, den Namen des hier zu Porträtierenden: Ralph Dutli. Die eingangs zitierten Verse stammen aus Ossip Mandelstams berühmtem Gedicht „Der Hufeisenfinder“, übersetzt hat es Ralph Dutli, und wer den 1954 in Schaffhausen geborenen Romancier, Lyriker, Übersetzer und Essayisten porträtieren will, kommt an Ossip Mandelstam nicht vorbei, um dessen Werk sich Ralph Dutli als Übersetzer höchst verdient gemacht hat: „Das Mandelstam-Projekt begann 1984, als der Verleger Egon Ammann und ich die Gesamtausgabe der Lyrik, Prosa, Essays und Briefe Ossip Mandelstams vereinbarten. Ein editorisches Abenteuer, das im Jahr 2000 mit dem zehnten und letzten Band der Gesamtausgabe erfolgreich abgeschlossen wurde“, liest man dazu auf Dutlis informativer Webseite. Ein „Abenteuer“ – wie könnte man dieses Mammut-Projekt besser auf den Begriff bringen, das den russischen, dem Akmeismus zuzurechnenden Dichter mit seinen hellsichtigen, oft närrisch-verspielten, ihrer Zeit nicht selten vorauseilenden, sprachsatten Versen der deutschsprachigen Leserschaft überhaupt erst nahe gebracht hat?

Der Kritiker Andreas Isenschmid bemerkt, dass Dutli alle Preise, die es für solche Unternehmungen gibt, verdient hätte. 2005 wurde diese Leistung mit dem Johann- Heinrich-Voß-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet, 2003 ging auch eine spannend zu lesende Mandelstam-Biografie aus Dutlis „Abenteuer“ hervor und nun erscheint, rechtzeitig zum 125. Geburtstag am 15. Januar, unter dem Titel Bahnhofskonzert ein Mandelstam-Lesebuch.

Doch nicht nur mit Mandelstams Werk ist der promovierte Russist und Romanist Dutli vertraut. Er kennt sich auch in anderen Zimmern des weitläufigen Hauses der russischen Literatur gut aus und versteht es, deren Türen für Gäste zu öffnen. Das wird bemerken, wer seine „Russische Literaturgeschichte“ hört. In Zusammenarbeit mit dem Hessischen Rundfunk entstanden, ist sie ein brillantes Vademecum durch diese so facettenreiche Nationalliteratur mit ihren Märchen vom Feuervogel und der Hexe Baba Jaga, die in einem Haus auf Hühnerbeinen wohnt, mit haarsträubenden Absurditäten, die von Gogols sich selbständig machender Nase bis hin zu Daniil Charms Werk führt, die von Puschkin erzählt, dessen Urgroßvater Hofmohr bei Peter dem Großen war und dem in Russland eine Verehrung zuteil wird, von der, wie Dutli bemerkt, „der Geheime Rat Goethe nur träumen dürfte“. Tolstoi und Dostojewski fehlen nicht, der Bogen spannt sich bis zu Vladimir Sorokin. Das wissenssatte und dabei keine Minute fade Hörbuch, das es in gedruckter Form nicht gibt, ist eine intelligente Verführung zum Lesen, die Ralph Dutli auch als einen Meister des mündlichen Vortrags zeigt.

Seltsam, dass diesem so produktiven Übersetzer, Erzähler und Wissenschaftler nach der Veröffentlichung seines ersten Romans Soutines letzte Fahrt (2013) etwas passierte, wovon er in dem poetologischen Redetext „Roman heißt Risiko“ anlässlich der Verleihung des Preises der Literatour Nord 2014 erzählt. Er wurde von mehreren Journalisten doch tatsächlich als Debütant angesprochen, was Dutli in der Rede kommentiert: „Ich mochte nicht jedes Mal darauf hinweisen, dass ich in meinem Leben mehr als dreißig Bücher gemacht habe. Ich sagte einmal nur, dass ich zum ,Fräuleinwunder’ wenig tauge.“

Schwer vorstellbar ist, dass ein Debütant einen so verweisungsreichen und erfahrungsgesättigten Roman wie Soutines letzte Fahrt geschrieben haben könnte. Er erzählt die Geschichte des russisch-jüdischen Malers Chaim Soutine, der 1943 in Paris starb. Dort wiederum lebte Dutli von 1982 bis 1994. Und dort entdeckte er das Werk des Malers, der in diesem Roman auf wundersame Weise zum Leben erwacht – und seine Bilder mit ihm.

Erzählt ist Soutines letzte Fahrt von den letzten Lebensstunden des Malers her. Die Handlung setzt 1943 ein, Frankreich ist unter deutschem Besatzungsregime und der seit 1913 in Paris lebende Jude Soutine wird gesucht. Er hat die Stadt verlassen, doch sein Magengeschwür macht eine Operation ebendort erforderlich. Versteckt in einem Leichenwagen, wird er zurück in eine Pariser Klinik transportiert. Auf einer abenteuerlichen Fahrt voller Umwege erinnert sich der im Morphiumrausch delirierende Maler oft bruchstückhaft-verzerrt, fast surreal an sein Leben. Der Roman bleibt bei aller Detailfreude und Recherchegenauigkeit ein deutungsoffenes Werk voller Bezüge, Dutli widersteht wie in seiner Mandelstam-Biografie der Versuchung manche Ungereimtheit aufzulösen, Widerspenstiges zu sehr zu glätten. Er sei, so der Autor in der bereits zitierten Rede „Roman heißt Risiko“, selbst dem Stoff streckenweise regelrecht ausgeliefert gewesen: „Jeder Roman weiß mehr, als der Autor ahnen konnte, als er sich je hätte träumen lassen.“

Auch Die Liebenden von Mantua, Dutlis jüngster Roman, ist ein solcherart „wissendes“ Buch. Zwei Freunde begegnen sich nach Jahren der eigenen Wege in Mantua zufällig wieder. Raffa, seines Zeichens Journalist, recherchiert für eine Reportage über die Folgen des Erdbebens, das die Stadt im Jahr 2012 erschüttert hat. Manu ist Schriftsteller und will untersuchen, welche Geschichte einem seltsamen Paar widerfahren ist, das als „Die Liebenden von Mantua“ Aufsehen erregt hat: ein Fund hat zwei Skelette in inniger Umarmung zum Vorschein gebracht. Die Verbindung zwischen Manu und Raffa wird sofort wieder unterbrochen, denn Manu wird von einem verrückten Grafen entführt. Als Raffa sich auf die Suche nach ihm macht, trifft er die Mantuanerin Lorena, mit der er im Palast der Gonzaga nicht nur auf den Spuren der Renaissance-Kunst wandelt. Es griffe zu kurz, dieses prall mit Anspielungen gefüllte Buch auf seinen Plot zu reduzieren. Wie in Soutines letzte Fahrt ist auch dieser Roman ein essayistisch-kulturgeschichtliches Werk über nichts weniger als die Liebe, die Kunst der Renaissance, das Genre des Krimis – kurzum: eine literarische Wundertüte.

„Nichts als Wunder“ hat Ralph Dutli eine Sammlung seiner Essays über Poesie genannt. Aus dem Wundern kommt wiederum nicht heraus, wer sich mit seinem Werk befasst. Dutlis Produktivität ist dem Bienenfleiß vergleichbar, über den man mehr erfahren kann in Das Lied vom Honig, einer „Kulturgeschichte der Biene“, die der Autor 2012 veröffentlichte, nachdem er Liebe Olive, eine kleine Kulturgeschichte der Olive, 2009 zuerst im Ammann Verlag, 2013 in einer Neuauflage bei Wallstein herausgebracht hatte. Das Lied vom Honig führt übrigens einmal mehr zu Ossip Mandelstam, denn im zweiten Teil des Buches hat Dutli eine Reihe von Bienengedichten versammelt, unter denen sich auch eines von Mandelstam findet: „Nimm dir zur Freude nun aus meinen Händen / Ein wenig Sonne und ein wenig Honig.“ Liest man diese Verse mit Blick auf Dutlis Werk, sollte man sich das nicht zweimal gesagt sein lassen.

 

Zum Weiterlesen (Auswahl):

Ossip Mandelstam, Das Gesamtwerk in zehn Bänden. Übersetzt und hrsg. von Ralph Dutli. 2001
„Meine Zeit, mein Tier“.  Mandelstam. Eine Biographie. 2003
Nichts als Wunder. Essays über Poesie.
2007
Alle im Ammann Verlag, Zürich

Russische Literaturgeschichte, erzählt von Ralph Dutli. 4 CDs.
Hörbuch Hamburg 2003

Joseph Brodsky, Brief in die Oase. Einhundert Gedichte. Hrsg. von Ralph Dutli. C. Hanser, München/Wien 2006

Liebe Olive. Eine kleine Kulturgeschichte. 2009
Fatrasien. Absurde Poesie des Mittelalters. 2010
Das Lied vom Honig. Eine Kulturgeschichte der Biene. 2012
Soutines letzte Fahrt. Roman. 2013
Richard de Fournival, Das Liebesbestiarium. Aus dem Französischen des 13. Jhdts. und mit einem Essay von Ralph Dutli. 2014
Die Liebenden von Mantua. Roman. 2015
Mandelstam, Heidelberg. Gedichte und Briefe 1909–1910. Russisch-Deutsch. Mit einem Essay von Ralph Dutli. Januar 2016
Alle im Wallstein Verlag, Göttingen



Beate Tröger
, geboren 1973 in Selb/Oberfranken, lebt in Frankfurt a. M. und arbeitet als Literaturkritikerin vor allem für die Frankfurter Allgemeine Zeitung und den Freitag.

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