Aktuelle Ausgabe: März/April 2010

Editorial

Meine Lieblingsbücher

besitze ich oft in mehreren Ausgaben: gebunden und als Taschenbuch, in der ersten Auflage und illustriert, in mehreren deutschen Übersetzungen und manchmal in der Originalsprache. Das ist streng genommen überflüssig und für viele Menschen, selbst begeisterte LeserInnen, sicher völlig unverständlich, denn Bücher brauchen Platz – sie neigen ohnehin zu ständiger Vermehrung – und es kommt schließlich zunächst auf den Inhalt an, da sollte doch ein Exemplar eigentlich reichen.

Aber: verbindet man nicht mit jeder einzelnen Ausgabe Erinnerungen, mit dem alten Paperback ebenso wie mit dem Leinenband samt Lesebändchen? Mit der Struktur des Papiers, mit der Typografie, dem Geruch und der Haptik, mit Abbildungen sowieso? Hat man nicht vielleicht sogar zarte Bleistiftnotizen an den Rand geschrieben?

Bücher besitzen nicht nur ihre Schicksale, sondern sind Individuen – jedenfalls behaupten das die Bibliophilen und wenden sich irritiert von jeglicher Art elektronischer Bücher ab, egal ob sie Kindle oder ipad heißen. Urheberrecht, Verfügbarkeit von „Contents“, Ladenpreis sind lauter wichtige Fragen – aber die wichtigste bleibt vorerst: In welcher Gestalt möchte ich eigentlich eine Geschichte zu mir nehmen?

Apropos: diese Ausgabe des Literaturblatts ist sinnlich und kulinarisch geworden – vielleicht beflügelt durch unsere Erleichterung, dass wir von der Stadt Stuttgart statt einer Komplettstreichung mit einer Fünf-Prozent-Kürzung beim Förderankauf davongekommen sind. Dem Thema literarischer Begegnungen am Herd geht Dorothea Keuler nach, in Neuerscheinungen wie in Klassikern zu diesem Sujet – erinnert sich übrigens noch jemand an den ersten deutschsprachigen Roman mit Rezepten? Es war Johannes Mario Simmels Es muss nicht immer Kaviar sein von 1960. Im selben Jahr erschienen auch Arno Schmidts Kaff, Martin Walsers Halbzeit, Peter Weiss’ Der Schatten des Körpers des Kutschers und auf Deutsch Michel Butors Der Zeitplan – bemerkenswert, wie viel frischer uns ein halbes Jahrhundert alte Bücher neben den medial „gehypten“ Eintagsfliegen vorkommen. Und sie sind unabhängig von „Apps“ und „Updates“ immer noch in ihrer papierenen Gestalt lesbar.

 

Einen anregenden Lesefrühling wünscht Irene Ferchl

 

 

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